ReportingNews #35 | Mai 2016 | Expertenbeitrag

Sturm- und Drang-Phase im CSR-Reporting

Autor:
Dr. Uwe Wilke
Politikwissenschaftler
uw [at] universalreporting [dot] de

Unternehmen brauchen in diesen Wochen und Monaten einen kühlen Kopf und einen guten Überblick, wenn es um das Reporting von Nachhaltigkeitsthemen geht. Bisher hat es wohl kaum eine Phase gegeben, in der so viele Entscheider und Impulsgeber auf nationaler wie internationaler Ebene Veränderungen vorantreiben. Vorläufiger Höhepunkt: der Referentenentwurf zur CSR-Richtlinie, der für Gesprächsstoff sorgt und Reaktionen aus der Gesellschaft hervorruft. Dr. Uwe Wilke von Universal Reporting gibt einen Überblick zu den Highlights der jüngsten Entwicklung.

UN setzt neuen globalen Rahmen

Im Herbst vergangenen Jahres haben die Vereinten Nationen 17 neue Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals - SDG) auf die Agenda gesetzt, die bis 2030 erreicht werden sollen und die bisherigen Milleniumsziele aus dem Jahr 2000 ablösen. Das Spektrum reicht hier von der Bekämpfung von Hunger und Armut über gleiche Bildungschancen, Geschlechtergerechtigkeit bis zum Umweltschutz. Sie adressieren auch wirtschaftliche Kernthemen, die über kurz oder lang Einfluss auf die politischen Prozesse in den Staaten und auch auf Berichtsstandards haben dürften. Beispielhaft dafür steht SDG 12 »Ensure sustainable consumption and production patterns«. Dieses Ziel setzt auf Verhaltensänderungen bei Unternehmen und Verbrauchern im Interesse der Ressourceneffizienz.

Umstellung auf GRI G4

Zum Jahreswechsel 2015/16 galt es, sich auf den neuen Berichtsstandard G4 der Global Reporting Initiative (GRI) einzustellen. Die freiwillig zu beachtende Leitlinie hat sich zum international etablierten Standard entwickelt, nach dem die meisten global agierenden, aber auch die ambitionierten deutschen Unternehmen berichten. Die neue Version rückt den Fokus noch stärker auf die wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen, über deren Auswahl die Unternehmen in eigener Regie entscheiden können. Dies müssen sie freilich auf transparente Art und Weise sowie unter Einbeziehung der Stakeholderinteressen tun. Zum anderen ist die Bedeutung des Risikomanagements in der Lieferkette von der GRI deutlich gestärkt worden.

Deutscher Nachhaltigkeitskodex im Aufschwung

Aber auch in Deutschland tut sich viel bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung, der die Bundesregierung berät, trommelt stark für die Verbreitung des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK). Der auf 20 Kriterien eingegrenzte Berichtsstandard ist weniger komplex als GRI G4 und soll auch kleinen und mittleren Unternehmen eine attraktive Möglichkeit bieten, ihr Engagement zu kommunizieren. Mittlerweile haben 125 Unternehmen eine Entsprechenserklärung zum DNK abgegeben. Der DNK richtet seinen Blick sogar über die Landesgrenzen hinaus und möchte sich als »The Sustainability Code« auch international etablieren.

Aktueller Wettbewerb um beste Nachhaltigkeitsberichte

Unternehmen berichten noch freiwillig zu Nachhaltigkeitsthemen – das heißt aber keineswegs, dass nicht auch hier das Benchmarking immer stärker Platz greift und zusätzlichen Handlungsdruck erzeugt. So läuft nach mehrjähriger Unterbrechung aktuell das Verfahren zum Ranking der Nachhaltigkeitsberichte. Der Wettbewerb wird vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) gemeinsam mit dem Unternehmensverband »future – verantwortung unternehmen« durchgeführt und vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert. Für das Ranking werden die 150 größten Unternehmen Deutschlands einbezogen, parallel werden auch 40 Berichte von KMU analysiert. Die Organisatoren nutzen ein eigens entwickeltes Kriterienset aus sozialen, ökologischen, managementbezogenen und kommunikationsorientierten Einzelkriterien, die durch Branchenspezifikationen erweitert werden. Im Juli sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden: man darf also neugierig darauf sein, wer vorne liegt.

Umsetzung der EU-CSR-Richtlinie: die Fakten

Für Diskussionen sorgt unterdessen die Vorlage des Referentenentwurfs zur CSR-Richtlinie aus dem Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV). Die Vorlage setzt die EU-Richtlinie zwar nahezu 1:1 um, hinsichtlich der Auslegung und Anwendung gehen die Meinungen aber deutlich auseinander. Zunächst zu den Fakten: Ab dem Jahr 2017 müssen große kapitalmarktorientierte Unternehmen, Kreditinstitute und Versicherungen über die nichtfinanziellen Aspekte ihrer Geschäftstätigkeit berichten. Erfasst von der Pflicht sind Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern, deren Bilanzsumme 20 Millionen Euro oder Umsatzerlöse von 40 Millionen Euro übersteigen. Zu den verpflichtenden Themenblöcken gehören Umweltbelange, soziale Belange, Arbeitnehmerbelange, die Achtung der Menschenrechte und die Korruptionsbekämpfung. Große börsennotierte Unternehmen sind außerdem verpflichtet, zu ihrem Diversitätskonzept bei der Besetzung der wichtigsten Entscheidungsgremien Auskunft zu geben. Des Weiteren müssen alle Unternehmen ihr Geschäftsmodell beschreiben und darlegen, wie sie CSR-Themen strategisch angehen, mit Leistungsindikatoren verbinden und Risiken managen, beispielsweise in den Geschäftsbeziehungen innerhalb der Lieferkette.

Verfolgt das Unternehmen keine CSR-Strategie oder will es Informationen etwa wegen Wettbewerbsaspekten nicht berichten, muss das gesondert erklärt werden. Im anderen Falle drohen Bußgelder in Höhe von bis zu 10 Millionen Euro. Den Unternehmen steht offen, ob sie für die relevanten CSR-Angaben den Lagebericht oder einen gesonderten Nachhaltigkeitsbericht nutzen wollen. Letzterer kann auch online und bis zu 6 Monate nach dem Bilanzstichtag veröffentlicht werden. Die Informationen sollen von externer Seite nicht inhaltlich geprüft werden, sondern nur, ob sie vorliegen.

Stellungnahmen eröffnen die Debatte

Bis zum 15. April konnten Unternehmen, Verbände und Organisationen eine Stellungnahme zum Referentenentwurf abgeben. Dabei zeichnen sich eine Reihe von Konfliktlinien ab, die auch die kommenden Diskussionen bis hin zum Gesetzesbeschluss prägen dürften. Nur die wichtigsten seien hier genannt.

  • Einbeziehung von Verbraucherbelangen
    Das BMJV erwägt im Kontext des Gesetzes die Ausweitung der Berichtspflicht auf Belange der Verbraucher, denen ein Anrecht auf transparente Informationen zu den Auswirkungen unternehmerischen Handelns eingeräumt wird. Das stieß bei Wirtschaftsverbänden wie dem BDI oder dem DIHK auf Widerstand, die sowohl einen Mehraufwand als auch Wettbewerbsnachteile für Unternehmen befürchten, wenn dies nur in Deutschland gelte. Sie verweisen darauf, dass Verbraucherbelange in vielen Gesetzesmaterien, z. B. im Datenschutzrecht, ausreichend geregelt seien, und die meisten Unternehmen über bewährte Formate des Kundendialogs und Beschwerdemanagements verfügten. Währenddessen unterstützen Organisationen wie das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik diesen Ansatz, wenn auch mit einem Plädoyer für die Ausweitung auf die Belange aller Kunden, nicht nur der Konsumenten.

  • Ausweitung auf andere Unternehmen
    Wirtschaftsverbände haben die beabsichtigte Einbeziehung von Genossenschaften der beschriebenen Größenklassen kritisiert, die das BMJV mit der notwendigen Gleichbehandlung begründet. Sozialverbänden wie dem DGB, Amnesty International oder Verbraucherschutzgruppen ist der Kreis der Unternehmen dagegen nicht groß genug. Er sei auch auf nicht kapitalmarktorientierte, eigentümergeführte Unternehmen auszudehnen, wie z.B. ALDI, Dr. Oetker oder Würth, die trotz Milliardenumsätzen und starkem Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft keiner Berichtspflicht unterlägen. Diese Haltung teilt auch der Rat für Nachhaltige Entwicklung.

  • Reichweite von Reporting-Standards
    Zivilgesellschaftliche Interessengruppen verlangen zudem, dass CSR-Angaben der Unternehmen auch inhaltlich zu prüfen sind und der Lagebericht als das bevorzugte Format für die Berichterstattung gelten soll. Damit erhalte die Öffentlichkeit ein ganzheitliches Bild von der Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens und seinem Umgang mit Risikofaktoren. Zudem bemängeln sie, dass der Gesetzentwurf keine Zielorientierung und Fortschrittsberichte zu den CSR-Aspekten verlangt und dass die Informationspflichten zu Standardverletzungen in der Lieferkette zu weich formuliert sind.

Die Wirtschaftsverbände verwahren sich gegen jede weitere Verschärfung und plädieren für einen möglichst weiten Ermessenspielraum. Sie wehren sich zudem gegen die Höhe der angedrohten Geldbußen. Parallel fordern sie bei der Betrachtung der Lieferkette eine Beschränkung auf die erste Zulieferebene. Ferner wird gefordert, eine separate Nachhaltigkeitsberichterstattung als geübte Praxis beizubehalten.

Wie geht es weiter?

Welche Schlüsse das zuständige Ministerium aus den Stellungnahmen ziehen wird, ist noch offen - ebenso wie der Zeitpunkt, an dem der offizielle Gesetzentwurf nach einem Kabinettsbeschluss in den Bundestag eingebracht wird. Aller Erfahrung nach setzen die Parlamentarier im Gesetzgebungsverfahren diskussionswürdige Punkte erneut auf die Agenda und stützen sich dabei auch auf die Positionen der Interessengruppen. Anhörungen im parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren werden der Debatte zweifellos eine zusätzliche Dynamik verleihen und das öffentliche Interesse für das Thema verstärken. Für Spannung ist also gesorgt. Nur eins steht fest: bis zum 6. Dezember muss - so die EU-Vorgabe - die Rechtsetzung auf nationaler Ebene abgeschlossen sein.

Zur Person

Dr. Uwe Wilke ist Politikwissenschaftler und verfügt über langjährige Erfahrung in der Kommunikation für marktführende Unternehmen. Sein Fokus liegt auf der Beratung und der Textredaktion im Bereich Corporate Social Responsibility. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Gemeinsam mit Ulla v. Blittersdorff leitet er das Netzwerk »Universal Reporting« mit den Spezialgebieten Geschäftsberichte, Nachhaltigkeitsberichte und die Integrierte Berichterstattung.

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