ReportingNews #46 | Oktober 2017

Expertenbeitrag
Sprachliche Vagheit – Chancen und Risiken für das Reporting

Der gezielte Umgang mit sprachlicher Vagheit ist Teil einer strategischen Textkompetenz, die für das Reporting essentiell ist. So lautet die These von Prof. Dr. Helmut Ebert, der als Dozent und Kommunikationscoach Experten und PR-/IR-Teams bei der Konzeption und Realisierung von Texten unterstützt. In seinem Expertenbeitrag unterscheidet er sechs Formen von Vagheit und erläutert, ob sprachliche Vagheit im Reporting vielleicht sogar nützlich sein kann.

Vagheit mindert die Transparenz von Mitteilungen und entscheidet über die Glaubwürdigkeit des Senders. Textkompetent ist, wer gezielt zwischen Vagheit und Eindeutigkeit wechseln kann. Das Nachdenken über Vagheit kann als Korrektiv zu einseitigen Sichtweisen auf ökonomische Dinge genutzt werden.

Ich unterscheide sechs Formen von Vagheit:

1. Indirekte Sprecherhandlungen

Der klassische Fall einer indirekten Sprecherhandlung ist die rhetorische Frage. Indirektheit liegt auch vor, wenn sozial empfindliche Sprecherhandlungen abgeschwächt werden: Sie werden daher gebeten, den Betrag ... zu überweisen (höfliche Weisung). Schließlich kann die Handlungsstruktur eines Textes vage sein und z. B. bei Prognosen zwischen Wollen und Erwarten changieren.

2. Stille Folgerungen

(a) Folgerungen aus dem Quantitätsprinzip der Kommunikation: Redet jemand zu viel, schließen wir auf Eigenschaften der Person (z. B. Eitelkeit). In Texten, die vollständig informieren sollen, schließen wir vom Nichtgesagten z. B. auf eine Täuschungsabsicht. (b) Folgerungen aus dem Qualitätsprinzip: Ironie, Witz und Übertreibung werten wir nicht als Verletzung der Wahrheitsmaxime, obwohl Vagheit im Spiel ist. (c) Folgerungen aus dem Relevanzprinzip: Stoßen wir in planvollen Texten auf Unwesentliches, fragen wir „Was hat das mit dem Thema zu tun?" und entdecken fehlende Glieder einer Argumentationskette, Andeutungen, Distanzierungen o.ä.

3. Unerläuterte Begriffe und Tropen

(d) Das Ausdrucksprinzip fordert, klar und deutlich zu reden. Das Prinzip wird verletzt, wenn Fachtermini oder Anglizismen nicht erklärt werden. Im Reporting sind das oft Anglizismen (z. B. Outperformance, Input-Größe) und nicht genau definierte Gewinnkennzahlen. Tropen sind Ausdrücke, mit denen eigentlich Gemeintes uneigentlich ausgedrückt wird: Metapher, Umschreibung, Untertreibung, Beschönigung, Metonymie u. a. Die Wirkung auf den Leser ist ambivalent: „Der Schreiber ist klug. Er will uns für dumm verkaufen. Beispiele: Eine „schöne Tochter", unsere Finanzbeteiligung innogy (Metapher). 2016 begann schwach (Metonymie). Haben wir die Kosten angepasst (Beschönigung).

4. Unsicherheitssignale

Hierzu gehören Verben (vermuten), Modaladverbien (wahrscheinlich), Gradadverbien (circa), Modalverben (könnte), Indefinitpronomen (irgendwie), der Konjunktiv, das Futur als Signal für Wahrscheinlichkeit sowie offene Fragen. Beispiele: Leichte Erholung wahrscheinlich. Irgendwann während dieser Phase wird die Zahl der Verbrennungsmotoren ihren Höchststand erreichen. Dann wären wir allein hier schon besser als 2016. Wie steuert man ein Unternehmen in solch unruhigen Zeiten?

5. Agensschwund und Subjektschub

Im Jahr 2016 haben wir die uns gesetzten Wachstums- und Ertragsziele erreicht. Der Passivsatz blendet aus, wer die Ziele gesetzt hat. Wird in die Subjektstelle eine eigentlich dafür nicht vorgesehene Größe geschoben, liegt ein Agensschub vor: die Automobilindustrie definiert Mobilität neu (Branchenbezeichnung als Ersatz für die eigentlich Handelnden).

6. Sprachliche Vagheit von Ausdrücken im engeren Sinne

Gemeint sind Ausdrücke, die trotz Kontext weder vereindeutigt werden können noch Anlass zu stillen Folgerungen geben. Es handelt sich zudem nicht um versehentliche Inkorrektheiten oder um Ausdrücke, die erst im Verlauf der Lektüre klar werden (Bsp.: wir schaffen Wert als ein Unternehmen). Auch offenbleibende Zwei- oder Mehrdeutigkeit ist nicht Vagheit im engeren Sinne: Ihr Engagement schafft bei unseren Kunden Vertrauen (Engagement als Invest oder Einsatz). Gemeint sind Ausdrücke, die als Leerformeln absichtlich so unbestimmt formuliert worden sind, dass Leser oder Interessengruppen sich den jeweils genehmen Sinn hineindenken können: Chemie für eine nachhaltige Zukunft, Strom ist Zukunft.

Was sind Gründe für Vagheit?

Vagheit wird bewusst eingesetzt, um Mitteilungen zurückzuhalten oder zu dosieren. Vagheit ist aber auch ein Mittel des Überredens (vgl. rund 1000 Mitarbeiter vs. 987 Mitarbeiter). Lexikalische Lücken erzwingen Vagheit, um neue Situationen zu bewältigen (Industrie 4.0). Vagheit entspringt ferner einem Mangel an Wissen (Prognoseberichte), dem Bestreben nach Höflichkeit oder der Demonstration von Macht. Vagheit kann auch informelle Nähe signalisieren. Schließlich dient Vagheit dem Erhalt von Optionen bei Entscheidungen.

Kann Vagheit im Reporting nützlich sein?

Zunächst ist festzuhalten, dass das Reporting als eine geplante Kommunikationsform von der Eindeutigkeit der Mitteilung lebt. Fehlende Eindeutigkeit ist im Kontext geplanter Kommunikation aber auffälliger und deshalb riskanter. Das Kommunikationsrisiko so gering wie möglich zu halten, ist ein Balanceakt. Es geht um die Balance zwischen zu viel und zu wenig Information (Verstehen), zwischen Verbergen und Offenlegen (Transparenz: Image und Reputation) sowie zwischen Bekanntem und Unbekanntem (Ideenfindung und Problemlösung). Schließlich hilft Vagheit, die Kommunikation auf mehreren Ebenen anschlussfähig zu machen. Alles in allem ist der Umgang mit Vagheit kein leichtes Geschäft, auf jeden Fall aber eine große Verantwortung für das Reporting.

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