ReportingNews #47 | November 2017

Expertenbeitrag
Sprache und Bewusstsein – Reflexives Reporting in Zeiten der Veränderung

Social Dax

In Zeiten der Veränderung muss die Sprache des Reportings reflexiv werden. So lautet die These von Prof. Dr. Helmut Ebert, der als Dozent und Kommunikationscoach Experten und PR-/IR-Teams bei der Konzeption und Realisierung von Texten unterstützt. In seinem Expertenbeitrag beschreibt er den Zusammenhang zwischen Sprache und Bewusstsein. Er geht davon aus, dass künftig Textautomaten das informierende Reporting übernehmen. Nicht automatisierbar sind die auf Erkenntnisgewinn (Strategie) und Vertrauen (Commitment) zielenden Reportinganteile, deren Sprache dann reflexiver werden muss.

Veränderungen

Wie reagieren wir auf Veränderungen?

(i) Wir nehmen wahr, wie sich etwas um uns herum verändert. (ii) Wir halten an gewohnten Begriffen und Routinen fest. So reden wir z. B. trotz Globalisierung von Export und Import. (iii) In Veränderungsprojekten wollen wir unsere Umwelt ändern: Technologien oder Arbeitsabläufe. Die beobachteten Reaktionen zeigen: Wir denken Veränderung external und unterscheiden nicht hinreichend zwischen Realität (Fakten) und Wirklichkeit (gedeutete Fakten). Alles Seiende ist aber nur als Bewusstseinsinhalt wirklich, insofern es die Deutungen und nicht die Fakten sind, die unser Verhalten leiten. Es gibt ein verborgenes Sein und ein Sein, das sich uns zeigt. Letzeres geschieht, wenn es zur Sprache kommt. Alle Veränderungsprojekte müssen daher bei der Sprache und im Bewusstsein ansetzen. Nur so schaffen wir eine neue Selbstverständlichkeitsordnung.

Unterscheidungen

Sprache: meint das konventionelle System aus Wortschatz und Satzbau. Das ist die Sprache des Wir. Im naiven Sprachgebrauch reproduzieren wir diese Wir-Sprache, die nicht aus dem individuellen Bewusstsein, sondern aus der kollektiven "Ideologie" kommt. Der naive Sprachgebrauch lebt vom gewohnheitsmäßigen Urteil.

Sprachgebrauch: kann naiv sein oder reflexiv. Das naive Sprechen reproduziert die kulturellen Wissenskonserven der Wir-Sprache. Das reflexive Sprechen hat sich selbst neues Wissen erarbeitet, und zwar gegen den Widerstand einer konkreten Realität.

Bewusstsein: meint im engeren Sinn das bewusste Erleben mentaler Zustände und Prozesse. Im weiteren Sinn gehören hierzu auch unbewusste Zustände und Reaktionsmuster, die wir biografisch tief abgespeichert haben, und die uns neben den evolutionären Mustern wie ein Autopilot steuern.

Wahrnehmung: meint die Gewinnung und Verarbeitung von Reizen aus der Umwelt und dem Körperinneren. Die Qualität der Wahrnehmung steigert, wer seine Aufmerksamkeit gezielt steuert, sich mit sich selbst verbindet, aus der konventionellen Wir-Sprache heraustritt und so das stereotype „Sehen" überwindet.

Reflexive Sprache

Dem naiven Sprechen erscheinen Begriffe wie Personalentwicklung, Human Resource Management, Wachstum oder Strategie wie Tatsachen und nicht als Hypothesen, die sich pragmatisch bewähren müssen. Die Quellen der Aufmerksamkeit und des Verhaltens bleiben blind. Im reflexiven Sprechen jedoch werden die blinden Flecken ausgeleuchtet. Wem die eigenen Denk- und Verhaltenshintergründe bewusst werden, der tritt aus der Wir-Sprache heraus und steigert seine sprachliche Differenzierungsleistung. Es entstehen neue Ideen und Bezugsrahmen. Das Ich verbindet sich mit den tiefen Quellen seines Bewusstsein und bildet sprechend das Sein nicht ab, sondern schließt es in der Totalität seiner Perspektiven auf und kann so das in Situationen verborgene Zukunftspotenzial entdecken (z. B. neue Zielgruppen).

Das Unbewusste und die Sprache

Zum Unbewussten zählen prälinguistische Bilder, Grundannahmen, Verallgemeinerungen und mentale Modelle. Es gibt sprachliche Ausdrücke der Wir-Sprache, die das Wachbewusstsein täuschen können. Das sind z. B. emblematische Issues (überalterte Gesellschaft), konzeptuelle Metaphern (Datenautobahn), Prädikationen als Ausdruck verallgemeinerter Urteile (Eine Zukunft ohne Autos gibt es nicht) sowie thematische Stereotypen (Der Klügere gibt nach) und Interpretationsstereotypen (Das ist der Lauf der Welt).

Sprachbeispiel - Adjektive im Aktionärsbrief

Adjektive beinhalten Urteile. Sie treten als Prädikatsteil offen in Erscheinung: Wir haben unser Unternehmen fit gemacht. Bei attributivem Gebrauch sind Adjektive eingebettete Urteile, deren Richtigkeit vorausgesetzt, aber nicht thematisiert wird: Wir haben ein erfolgreiches Geschäftsjahr hinter uns. Wir haben unseren nachhaltigen, profitablen Wachstumskurs fortgesetzt. Wenn alles gut, positiv, wichtig, stark, innovativ, attraktiv, solide, richtig, dynamisch oder erfolgreich ist, deuten die Adjektive auf Urteilskonserven aus der Wir-Sprache hin. Anders gesagt: Der Aktionärsbrief ist dann zu einem Werbetext mutiert und kein persönlich reflektiertes Schreiben mehr. Das birgt Risiken: Risiken der Selbstillusionierung, der Glaubwürdigkeit, der Erwartungssteigerung, des Commitments in schlechten Zeiten und nicht zuletzt ein Risiko für die Beziehung zwischen CEO, Unternehmen und Aktionären.

info@helmutebert.de

www.helmutebert.de

ReportingNews
Newsletter zum Thema Annual/CR-Reports

Zur Übersicht

Thema Reporting
Blick zurück und Blick nach vorn

Mehr dazu

Exposé
Geschäftsberichte

Zum Exposé

Unsere Kompetenz Reporting

Ausgewählte Projekte