ReportingNews #57 | Mai 2019

Querformat: Querulant oder Querdenker
Eine Glosse von wirDesign Creative Director Thorsten Greinus 

Auf Reisen entstehen die besten Ideen und die kuriosesten Gedanken. Davon kann Thorsten Greinus, Creative Director bei wirDesign, ein Lied singen. So vervollständigt er seinen, auf einer Reise eingefangenen Gedanken zum Thema »Formate von Geschäftsberichten«. Und wenn Sie wissen möchten, was das mit Tageszeitungen zu tun hat, dann lesen Sie seine Glosse über Querdenker und Querulanten.

Ausnahmsweise war die Bahn pünktlich und ich hatte noch ein wenig Zeit bis zum Anschlusszug. Was lag somit näher, als die luxuriöse Pause für einen der seltenen Besuche im Bahnhofskiosk zu nutzen. Gleich im Eingangsbereich fielen mir die Tageszeitungen mit ihren effektvoll in Szene gesetzten Titelseiten mit den vermeintlich relevantesten und einzig wahren Themen des Tages auf. Aber das ist nur die »halbe« Wahrheit. Denn im Grunde handelt es sich lediglich um eine Frontpage »above the fold«. Denn erst das vollständige Aufschlagen der Zeitung komplettiert das Bild. Dennoch, innerhalb weniger Augenblicke konnte ich mich über die wichtigsten Schlagzeilen des Tages informieren. Das ist Twitter im öffentlichen Raum.

Aber was ist nun das Besondere daran? Zum einen ist es das treffende Zusammenspiel aus knackigen Headlines im Einklang mit einer ausdrucksstarken Fotografie. Zum anderen ist es das Format. Denn bis zum vollständigen Aufschlagen der Zeitung nimmt man diese zunächst im Querformat wahr. Ein halbes Hochformat ist eben auch nur ein Querformat. Ist das eine Eigenheit, die sich nur im Print manifestiert? Nein. Denn auch der Bildschirm offenbart dem Betrachter zunächst nur einen wesentlichen Teil. Und das im Querformat. Dabei spielt es keine Rolle, ob man einen Onepager anschaut oder ein PDF. Je nach Bildschirmgröße oder Sehstärke würde man ohnehin die Seiten eines PDFs vergrößern. So wird auch in diesem Fall aus einem Hochformat ein Querformat.

Vom Tabloid zum Tablet

Ausgehend von dieser Überlegung könnte man doch gleich jeden Geschäftsbericht im Querformat publizieren. Auch im Print. Es gibt durchaus Überzeugungstäter. Doch wer derlei Publikationen im Querformat druckt und veröffentlicht, ist ein Querulant. Ein Mensch, der rechthaberisch und fanatisch das eigene Vorhaben vertritt. Oder haben Sie schon einmal versucht, einen Geschäftsbericht im Querformat in einem überfüllten Zug zu lesen? Wer neue Bekanntschaften sucht, der sollte es versuchen. Und widerspricht diese Form nicht ausdrücklich den Seh- und Lesegewohnheiten einer so umfänglichen Publikation wie dem Geschäftsbericht? Zumindest dann, wenn man nur einen Schreibtisch vor sich hat. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn für die Darstellung auf dem Bildschirm eignet sich das Querformat hervorragend. Eine Erkenntnis, die wir bereits umsetzen konnten. Adidas zelebriert mittlerweile ebenfalls den Geschäftsbericht als PDF im Querformat ebenso wie BASF. BASF veröffentlicht neben dem PDF im Querformat übrigens nach wie vor einen gedruckten Jahresbericht. Allerdings waren hier keine Querulanten am Werk. Denn der Bericht ist an der langen Seite mit einer Spiralbindung versehen, sodass man ihn, einem Kalender ähnlich, nach oben aufschlägt. Auch eine Art »above the fold« und bahnkompatibel. Das Querformat ist auf die Bedürfnisse der Analysten zugeschnitten, vergleichbar mit Präsentation-Charts oder Excel-Sheets. Ein Format, das wunderbar auf dem Desktop, Laptop oder Tablet funktioniert.

Anspruchsvolle Querdenker reizen das Format noch weiter aus. Neben einer vollständigen Verlinkung von Inhalten lassen sich in der Gestaltung und im Aufbau des Geschäftsberichtes weitere bewährte Eigenschaften und Merkmale der Tageszeitung zitieren. Die schmalen Textspalten, wie wir sie von der Tageszeitung her kennen, erleichtern das Lesen. Auch das »Above-the-fold-Prinzip« lässt sich im Hinblick auf die Berichtsdramaturgie nutzen. So folgen einer »Frontpage« mit den plakativ in Szene gesetzten Highlights die ausführlichen Texte – analog der Tageszeitung – »below the fold«. Marginalien folgen ebenso dem Vorbild der Zeitung. Bieten sie doch die Möglichkeit, den Berichtstext mit Zusatzinformationen oder Content-Snacks zu flankieren. Diese Content-Snacks bieten darüber hinaus Potenzial zur Verbreitung in den Social-Media-Kanälen. Somit ist die Marginalie mehr als nur eine Randerscheinung.

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das PDF nicht einfach nur als Spiegel des Print-Berichts gesehen wird. Das Dokument sollte im Vorfeld im Querformat gedacht und »gemacht« werden. Querformate sind eben nicht nur für Querulanten oder Querdenker.

Zur Person: Thorsten Greinus ist Creative Director bei wirDesign und mitverantwortlich für den Fokus Reporting. Seine Expertise liegt insbesondere in den Bereichen Brand Identity, Brand Design und Geschäftsberichte. Er entwickelt visuelle Erscheinungsbilder, Markenstrukturen, Kommunikationskonzepte und ist Autor des Buches »Branding to go«. 

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